Im Schwarzatal


Als Letztes, aber vielleicht auch als Geringstes ist unter den Erwerbszweigen des Gaus die Fremdenindustrie zu nennen. Sommergäste sitzen nun freilich in mehreren Orten des oberen Tals, in Blechhammer und Mellenbach, Katzhütte und Scheibe, aber allzuviel wird ihnen nicht geboten, und allzuviel Geld lassen sie nicht hier. Die meisten kommen her, weil ihnen der Luxus im unteren Tal verhaßt ist, was ins Deutsche übersetzt bedeutet, daß ihnen Schwarzburg oder Blankenburg zu teuer sind. Dagegen ist wahrlich nichts zu sagen; billige Sommerfrischen sind sehr nötig, denn der Ärmere ist einer Erholung erst recht bedürftig. Aber mir mißfiel das Geschimpfe auf den Wirt, das bei Tische der einzige Gesprächsstoff war; erkundigte man sich dann nach dem Pensionspreis, so wunderte man sich, daß er's überhaupt leisten konnte. Leute, die den Wald lieben und verstehen, habe ich freilich auch gefunden, aber die meisten klagten, die Spaziergänge seien zu einförmig, auch gehe man so ohne rechtes Ziel, denn Kaffeepunkte seien selten. Die heftigsten Anklägerinnen des Tals waren zwei Berliner Damen, Mutter und Tochter, die in Begleitung eines Herrn im »Wurzelberg« zu Katzhütte, dem Dorf, in dessen Nähe ich einige Stunden zuvor meine Enquete über das Beerenlesen abgehalten hatte, Kaffee tranken. Er bat sich meine Zeitung aus; so kamen wir ins Gespräch. Ich meinte, den Wald abgerechnet, seien doch auch die Dörfer ganz hübsch und das Leben in ihnen lustig und interessant, worauf die junge, oder sagen wir lieber, die jüngere Dame spitz meinte, es käme darauf an, wieviel man sonst von der Welt gesehen habe; sie seien schon im Harz gewesen, an der Ostsee und im Riesengebirge. Sie sah dabei noch gelber aus als sonst, das konnte leicht die mit dem Erdbeerteig sein, und so hätte ich sie gern gefragt, ob ihre Köchin nicht Auguste heiße. Aber das hätte mich ja bei so gebildeten und weitgereisten Leuten in Mißkredit gebracht. Ich bleibe aber dabei: die Dörfer sind an sich hübsch und das Leben in ihnen lustig und interessant. Die meisten liegen an der Mündung von Nebentälern; bei Sitzendorf fließt die Sorbitz, unweit Blechhammer die Lichte, bei Glasbach, Mellenbach und Oelze der gleichnamige Bach, bei Katzhütte die Katze in die Schwarza, also überall zwei Täler und zwei Gewässer, was das Bild belebt. Einen malerischen Anblick gewährt nur Glasbach, weil hier die Bergwände eng zusammenrücken, aber einen hübschen jedes Dorf. Merkwürdige Bauten darf man in Walddörfern nicht suchen; Katzhütte hat eine stattliche Kirche aus der Zopfzeit, Mellenbach eine moderne Fachwerkkirche in gotischem Stil, die hübsch und eigenartig aussieht. Nur in diesem Dorf sieht man auch einige alte Häuser, etwa um 1600 erbaut; sie sind die einzigen Überreste des stattlichen Fleckens, den die Schweden der Erde gleichmachten; auch das alte Franziskanerkloster zerstörten sie, obwohl es längst eine evangelische Kirche war. So die Verteidiger der Lutherlehre; milder waren, sagen die Chronisten, die katholischen Kroaten, die nach ihnen kamen. Die alten Mellenbacher Häuser abgerechnet, ist im Tal schwerlich ein Wohnhaus mehr als hundert Jahre alt; die älteren sind aus Schiefer erbaut, der mit Brettern verkleidet ist, die neueren sind Fachwerk mit Kalk überstrichen. Hinter dem Haus ist nicht immer ein Garten, aber vor demselben fast immer ein Düngerhaufen und ein Holzstoß; dafür fehlen auch die Blumen und das Vogelbauer am Fenster selten. Das einzige Geschoß enthält außer dem Flur meist eine Stube und Kammer; in der Kammer stehen die Schränke, in denen Kleider und Wäsche aufbewahrt werden – einen schönen alten Schrank habe ich nirgendwo gesehen –, die Stube wird durch den Kachelofen mit Bank und das Bette fast ganz ausgefüllt. Je wohlhabender der Bauer, desto höher der Bettenberg, der zuweilen bis an die Decke reicht, aber auch in der Hütte des Armen stattlicher ist als in einem großstädtischen Bürgerhaus. Sonst gibt's nur Tisch und Stühle, eine lange Bank und an der Wand das »Tresorchen«, wo Porzellanteller, plumper Schmuck aus Halbedelsteinen, silberne Löffel und dergleichen aufbewahrt werden. Vom Flur führt eine Leiter zum Dachboden empor, wo Kinder und Gesinde schlafen. Viel Unterschied in der Einrichtung bedeutet es nicht, ob da ein Wald- oder Fabrikarbeiter haust; auch diese sind zum größten Teil Eingeborene, bestellen daneben ihr Kartoffelfeld und halten ein paar Tauben und eine Ziege oder gar eine Kuh. Richtige Bauern, die nur von ihrem Acker leben, gibt's hier wohl kaum; wichtiger als der Ackerbau ist die Viehzucht. Man sieht wenig Pferde, nie einen Esel, aber viel Schweine und Hornvieh. Die Rinder des Schwarzatals sind ein schwerer, kräftiger Schlag; das gute Futter auf den Bergmatten rundet ihnen die Flanken. Da sie hoch hinauf getrieben werden, so haben sie Schellen um, daß man sie weithin hört; gegen Abend aber vernimmt man in der Nähe der Herden ein anderes Getön: es klingt wie das Tuten einer Kindertrompete, nur etwas lauter. Es ist aber in der Regel eine ausrangierte Militärtrompete, auf der der Hirt seine Herde zusammenbläst, so gut er's eben gelernt hat. Lustig ist das Leben in diesen Dörfern, weil es die Leute sind. Ein munterer, beweglicher, anstelliger, allzeit zum Scherzen und Necken bereiter Menschenschlag; das gilt von den beiden Typen, von denen ich schon gesprochen habe, den Blonden tiefer unten, den Schwarzen oben. Auch dies trifft bei beiden zu, daß die Männer, wie so oft auf dem Lande, dem flüchtigen Blick als die schönere Hälfte erscheinen. In Wahrheit sind sie's auch hier so wenig wie irgendwo; die Frauen haben immer den feineren Gesichtsschnitt, die besseren Farben; von den Formen zu schweigen, die auch der objektivste Mann doch immer nur mit Männeraugen sieht. Die Frauen im Schwarzatal erscheinen uns deshalb minder hübsch als die Männer, weil sie durch ihre hier allerdings nicht zu harte Arbeit doch mehr angegriffen werden als die Männer durch die härtere und die frühen Bündnisse sowie der durchschnittlich große Kinderreichtum die Blüte rascher zum Welken bringen. Ein gesunder Menschenschlag; wenig Fett, nicht viel Fleisch, aber kräftige Sehnen trotz der Kartoffelkost; Jammergestalten, wie zum Beispiel im Riesengebirge so oft, trifft man hier selten und dann eben nur in den ärmsten Dörfern. »Die Leut hier sind vor dem Ach und Pfui bewahrt«, meinte eine Gastwirtin, die in Erfurt, sogar in Berlin gedient hatte, also Vergleichungen anstellen konnte; die kluge Frau hatte recht; das »Ach, wie schön!« nötigt dieser Menschenschlag einem ebenso selten ab wie das »Pfui, wie häßlich!« Das Beste sind die hellen klaren Augen, der muntere, treuherzige Ausdruck der Züge, die ein getreues Spiegelbild des Innern sind. Selbst während der Arbeit zeigen die Gesichter nicht jenen dumpfen, stumpfen, traurigen Ausdruck des Zugtiers, der einen an Landarbeitern des norddeutschen Flachlands oder gar in slawischen Gegenden so betrübt; in den Pausen gar wird unablässig geschwatzt, geneckt und gelacht. Bei Tage ist die Dorfstraße natürlich wenig belebt; die Männer sind im Wald, auf dem Acker oder in der Fabrik, die Frauen schaffen im Hause; aber begegnen zwei Leute einander, so reicht ihre Zeit, auch wenn sie noch so eilig sind, zu einem Gruß und einem Spaß, und wenn's auch nur das Zurufen des Spitznamens wäre. Solche Namen wachsen ja naturgemäß in jedem Dorf wie die Brombeeren; beim Familiennamen ruft man sich da niemals, sondern bezeichnet einander nach dem Hof, dem Gewerbe oder hervorstechenden Eigenschaften. Die Spitznamen sind also anderwärts keineswegs zugleich immer Necknamen; hier oben, soweit ich's erkunden konnte, fast immer. Viele sind harmlos, wie zum Beispiel Scharbsheiner, Veigelemarie; der Heinrich liebt eben Pfannkuchen und die Marie Veilchen; auch Linsenschlingerfritz bedeutet keine ehrenrührige Gewohnheit. Noch weniger Stöckelmartin; der alte Mann, der so hieß, hatte sich eben einst im Stöckelnspiel (was die Schweizer Pflöcklispiel nennen) ausgezeichnet, und Schwatzmarthe vollends könnte jede Frau im Tal heißen. Andere Namen bezeichnen körperliche Eigenschaften; angenehm sind sie ja für die Träger nicht, aber doch auch dem Leumund nicht abträglich: Hinkehanne, Ohrenmatthes; zwei gleichnamige, aber sehr verschiedene Kusinen bei Oelze werden als Steckenliese und Schmalzliese unterschieden; letzteres nach dem im Tal geltenden Schönheitsideal entschieden ein epitheton ornans. Und nach den dort herrschenden Ansichten können auch Mädelkarle und Kußgrete nicht niederdrücken. Andere Spitznamen wieder sind ohne alle Spitze, nur eben Bezeichnungen, so zum Beispiel Löffelsimshannematthes, was, wie ich glaube, bedeutet: der Matthias, der Sohn der Hanne, welche die Tochter des Löffelsimon war; einen andern, Sauerteigsbalzer, lasse ich aus dem nicht untriftigen Grunde unerklärt, weil ich's selber nicht weiß. Viele Namen aber sind recht unangenehm, und wollte man nach ihnen schließen, so stünden zahlreiche Leute im Tale bei ihren Nebenmenschen in üblem Geruch, moralisch, aber auch körperlich. Solche Namen nehmen sich in Druckerschwärze schlecht aus, würden zudem leicht zu falschen Schlüssen verführen. Die Leute sind spottlustig und nicht eben fein, aber allzu böse gemeint ist derlei nie. Das erkennt man auch während der Konversationsstunde im Dorfe, in der Dämmerung. Fast vor jedem Haus wird geplaudert; das Lachen hört selten auf und das Kosen schon gar nicht. Auch hier gehen die Mädchen anfangs untergefaßt in einer Reihe und hinter ihnen die Jünglinge, aber die Ketten lösen sich sehr bald in Einzelpaare auf. Wer deutsches Dorfleben näher kennt, wird die Großstadt nicht als sündhaft schelten, aber diesen Talleuten vergibt der Himmel gewiß besonders viel, denn hier wird sehr viel geliebt. Die sittlichen Anschauungen des Tals, über die ich mit mehreren Leuten sprach, faßte ein Hirte, der überhaupt ein verständiger, auch weltkundiger Mensch war, am klarsten zusammen. »Sehen Se«, sagte er, »das is nu so. Juchend is Juchend un Blut is Blut, un ob's ein Bursch oder ein Mädel is, is gleich, das is eben Naduhrsache. Darum wird das Mädel nech veracht' und der Bursch nech; sie sind frei un frei. Aber die Ehefrau und der Ehemann sind nech frei, un wenn die sich vergessen, so werden se veracht. Aber wie 'n Viech darf's auch der Unbeweibte nech treiben, un wenn's der Bursch mit mehreren Mädeln hält und das Mädel mit mehreren Burschen, so is das bei uns pfui Teufel.« Ähnlich denkt der Bauer überall; die Schranken der Sitte sind anders gezogen als in den höheren Ständen, in einigem weiter, in anderem enger, aber sie bestehen. Und die Grenze, wo die Achtbarkeit des Mädchens aufhört, ist auch hier scharf bestimmt: einige Liebschaften mit Burschen ihres Standes werden verziehen, ja als selbstverständlich hingenommen; aber ein einziger Fehltritt mit einem Höherstehenden schleudert sie in den Schlamm, weil dabei dann immer niedrige Beweggründe vorausgesetzt werden. Ländlich, sittlich – zum Richten haben wir kein Recht. Zwei Umstände aber sind bedenklich. Erstlich der frühe Beginn der Beziehungen; »schon Schulmädchen befragen das Orakel des Gänseblümchens«, sagt der ehrliche Fritz Regel etwas euphemistisch. Unhübsch ist aber auch, daß Heiraten aus Neigung auch jetzt noch keineswegs die Regel sind; vor dreißig Jahren waren sie allerdings gar nur Ausnahmen. Noch haben der Schneider und der Schuster genug zu tun, aber das Handwerk des Ehestiftens hat nun keinen goldenen Boden mehr. Empfindsame Gemüter, die den Grund gern in der wachsenden Veredelung des Menschenherzens suchen wollten, wird der wahre Grund enttäuschen; die wirtschaftliche Entwicklung des Tals nivelliert die Vermögensunterschiede immer mehr. So arm wie einst ist niemand, weil die Fabriken jedem Brot geben, und so reich wie einst auch nicht, weil die größeren Höfe allmählich alle aufgeteilt worden sind. Sie waren einst Minorate; Erbe war der jüngste Sohn (war kein Sohn vorhanden, die älteste Tochter), aber die Auszahlung an die andern Geschwister belastete die Erben so, daß sie die Teilung vorzogen. Wo so viel Liebe in den Herzen ist, da tritt sie natürlich auch auf die Zungen; unter den vielen Liedern, die man singen hört, überwiegen die Liebeslieder. Dabei kann man auch hier dieselbe Beobachtung machen wie in vielen Gegenden Mitteldeutschlands; nur die fröhlichen, übermütigen Lieder werden im Dialekt gesungen, die pathetischen und sentimentalen hochdeutsch; fürs Erhabene erscheint den Leuten ihr gewohnter Dialekt zu trivial. Das hat sich Goethe auch 1804, wo er bereits als sehr berühmter Mann sein Lied »Trost in Tränen« zuerst drucken ließ, nicht träumen lassen, daß fast ein Jahrhundert später die arme »dicke Kathrin« im »Schweizerhaus« es um des flatterhaften Omnibuskutschers willen in folgender Fassung ins Abenddunkel hinein singen würde:

Wie kommt's, daß du so traurig bist
Und gar nech ämol lachst,
Ich seh's dir an die Augen an,
Daß du geweinet hast,
Daß du geweinet hast.

Auch in Mellenbach hörte ich das Lied von drei Mädchen sehr gefühlvoll singen; nach jeder Strophe kam allerdings eine Lachsalve. Die munteren Lieder im Dialekt sind zumeist kurz und erinnern in Form und Inhalt an die »Schnadahüpfel« der Älpler. Hier zwei Proben:

Mei Schatz is ka Zucker,
Drum bin ech froh,
Sunst hatt ich 'n längst gessen,
Sue ho ech 'n no!
Madel mit dem roten Rock,
Mit dem schwarzen Mieder,
Gib mir nor an anzig'n Schmatz,
Kriegst 'n a glei wieder.

Die »Madel mit dem roten Rock und dem schwarzen Mieder« sind im Schwarzatal rar geworden, aber das Leihgeschäft mit den Schmätzen floriert noch immer. Wie dem Schnadahüpfl der Jodler, schließt sich auch dem thüringischen Vierzeiler ein Jauchzer an; gleichfalls eine Ähnlichkeit ist die häufige Zweideutigkeit des Inhalts, aber das ist hier kein passendes Wort; viele sind so eindeutig, daß eine alte Kasernenwand darüber erröten könnte. Ein Unterschied hingegen ist, daß die Vierzeiler – wenigstens so weit meine leider spärliche Beobachtung reicht – beim Tanz nicht gesungen werden. Der Wilhelm, der Otto, der Fritz – das sind nun die herrschenden Vornamen der jungen Generation; vor hundert Jahren waren es, nach den Grabsteinen zu schließen: Gotthold, Gottfried, Gottlieb – schwenken des Sonntags ihre »Madel« beim Spiel lauter, ohrenzerreißender Blechmusik sehr fröhlich, jauchzen auch, singen aber nicht. Getanzt werden zumeist Polka und Walzer; vom Zweitritt erzählen nur alte Leute; einer schwärmte mir auch vom Zippeltanz vor, war aber als Choreograph nicht bedeutend: »Man zappelte, verstehe Se, immerzu rum, verstehe Se, und wenn man so zappelte, verstehe Se, das war Se sehre scheene!« Daß die schönsten deutschen Kinderlieder in Thüringen wachsen, weiß jedermann, auch im Schwarzatal sind sie zu finden. Gehört habe ich vor allem das folgende, das viele Fassungen hat; die hiesige aber scheint mir die hübscheste:

Schlaf, Kindlein, schlaf,
Dein Vater hütet die Schaf,
Dein Mutter schüttelt 's Bäumelein,
Da fällt herab ä Träumelein,
Schlaf, Kindlein, schlaf!

Auf einem Bahnhöfchen, wo ich den Zug zur Heimkehr erwartete, erwarb mir mein Talent, Jungs Huckepack reiten zu lassen, zwei neue Freunde, Willi und Fritz, zum Dank lehrten sie mich ein schönes Lied:

Weeßte, wo ech wohne?
In der Ziterone!
Weeßte, wo ech sitze?
In der Zippelmütze!

Das Lied ist kurz, kann aber so lange wiederholt werden, bis der Zug kommt; dreistimmig klingt es besonders schön. Aber ob es ein Thüringer Lied ist, weiß ich nicht; meine Freunde waren zwar Thüringer, aber künftige Gymnasiasten, und die Mama kann sehr gut französisch, denn sie sagte mir. »Laissez vous pas les garçons en bas tomber.« Zudem kannte es ein anderer Freund von mir nicht, der Martinche heißt, und der kennt alle Lieder. Martinche ist ein dicker, fünfjähriger Schlingel, der oberhalb Katzhütte auf dem Weg nach dem Wurzelberg wohnt. Seine Eltern sind arme Leute, aber sie haben eine Kuh, und darum bekam ich hier ein Glas Milch. Während die Mutter es holen ging, eröffnete Martinche die Unterhaltung mit der Mitteilung: »Liese heißt se, schwarz is se ›Muh‹ sagt se«, verfiel dann aber in den sorgenvollen Monolog: »Wenn nun der die Milch saufet, was kriech dann ech?«, worauf ich erwiderte, die Liese sei gar nicht so, die gebe schon auch noch für ihn was her. Das schien ihn zu beruhigen, aber nun beschäftigte ihn mein Äußeres. Am Daumen saugend, sah er mich aus seinen Brombeerenaugen lange an und sagte dann: »Bist e o (auch) ämol neu gwesen?« Das durfte ich ja bestätigen, worauf er: »Das ist aber scho lang her, leicht zehn Jahr?« – denn weiter als bis zehn konnte er noch nicht zählen. Und nach abermaliger eingehender Betrachtung: »Du bist 'n alter Schuster!«, was aber in seinen Augen das Höchste war. Ich trug nämlich heut, am Wochentag, Stiefel, und das kann sich nur ein Schuster leisten. Diese meine Höhe entfernte aber die Vertraulichkeit nicht, als ich ihn aufs Knie nahm und reiten ließ. Dazu sang zunächst er allein und das zweite Mal ich mit:

»Schecke, Schacke, Reiterspferd,
's Ferd is nech drei Heller wert,
Macht das Ferdchen tripp, tripp, trapp,
Fällt der kleene Jung herab!«

Auch mehrere andere Lieder konnte das Martinche, sang sie aber nur, wenn es reiten durfte; das von der »Ziterone« lernte es auch nur so. Das war ja für uns beide ganz vergnüglich, aber schließlich mußte ich das schwere Plumpsäckchen doch »en bas tomber« lassen, denn drei Heller ist mir mein Bein entschieden wert. »Willkommen!« rief mir Martinches Mutter entgegen, als ich eintrat, das gleiche erfährt man in jedem abgelegenen Haus, auch wird man dort noch zum Sitzen eingeladen, auch wenn man nur den Weg erfragen will. Die Leute freilich, die Fremde öfters bei sich sehen, tun das nicht mehr, weil sie wissen, daß der und jener, was eben so die wahrhaft Gebildeten sind, darüber lächelt. Gegen solches Lächeln ist der Bauer sehr empfindlich, obgleich er es doch redlich vergilt. Welche Stichelreden habe ich zum Beispiel darüber gehört, daß der Norddeutsche beim Eintreten »Tag!« sagt. »Daß es Tag is, weiß man o ohne Berliner! Is das ä Grueß?!« Ich habe mir mein österreichisches »Grüß Gott!« nicht abgewöhnt. Auch dies war ihnen fremd, aber doch »ä Grueß«; bei ihnen gebietet die Sitte, beim Eintritt »Glück ins Haus« zu sagen; trifft man die Leute beim Essen, so muß man »Gottssenn« wünschen (Gott segne es). Ob ein Städtischer sie nur aus spöttischer Neugier ausfrägt oder aus Wohlwollen, dafür haben sie eine feine Witterung. Wo sie wirkliche Teilnahme herausfühlen, da geben sie sich vertrauensvoll; selbst von ihrem Aberglauben erzählen sie dann. Vieles davon trifft man überall in Mitteldeutschland. Für die Aussaat sind die Marientage am besten, weil Maria die Saat mit ihrer Schürze zudeckt; neues Geflügel muß dreimal unter dem Tisch hindurchgeführt werden, der neue Hund einen vorgekauten Bissen essen, sonst bleiben sie nicht im Haus; der Tod kündigt sich durch vielerlei Zeichen an: im Keller wirft der Maulwurf, die Hunde heulen, an dem grünen Gesträuch des Gartens wachsen farblose Blätter, die Schaufel des Totengräbers regt sich schon am Morgen des Sterbetags von selber. Anderes wieder ist zwar nicht so verbreitet, aber doch nicht bloß in diesem Tal zu finden: der Tote muß etwas Geld mitbekommen (»sunsten bleibt er zurück«, sagte mir Martinches Mutter zur Begründung; aber das Wo und Warum wußte sie auch nicht); zum Abschied wird der Leiche die Hand geschüttelt, aber es darf dabei, was schön und tiefsinnig ist, keine Träne auf sie fallen. Dem Schwarzatal eigentümlich ist, daß sich hier der alte heidnische Volksglaube lebhafter erhalten hat als anderwärts. Am 1. März schleifen die Kinder einen Popanz aus Birkenreisern durchs Dorf und singen dazu:

»Wir treten den alten Tod hinaus
Hinters alte Hirtenhaus,
Wir haben den Sommer genommen,
Und Krodens Macht ist umgekommen.«

Wer Frau Holle ist, wissen hier die meisten, und den Wilden Jäger kennen sie auch. An zwei Orten des Tals ist mir die Sage von den beiden Knaben erzählt worden, die beim Weg aus dem Wirtshaus, wo sie Bier geholt haben, unter das Wilde Heer geraten. Zwei von den »wilden Fräule« trinken die Krüge aus, doch bleiben diese immer voll, bis die Knaben die Begegnung ausplaudern. Allerdings meinten beide Erzähler am Schlusse, das und das Bier werde es nicht gewesen sein, das wäre selbst den »wilde Fräule« zu wild gewesen; das bescheidene Witzchen scheint sich also nun mit der Sage fortzuerben, was für den Übergang von der Naivetät zur Skepsis charakteristisch ist. Von Riesen und Zwergen wird gleichfalls erzählt. Die Riesen waren träg und dumm, aber brav; leider sind sie tot. »Schade«, meinte eine, »was so 'n Riese versprach, da konnte man sich drauf verlassen, mit dene Zwergen is wenig los!« Denn die leben noch, sind aber ganz unzuverlässiges Gesindel. Bei Oelze hat noch vor kurzem ein Köhler gelebt, der verstand sich mit ihnen zu stellen, und sie brachten ihm viel zu: Brot und Schinken, auch türkische Zigaretten. Dies letzte Detail hat offenbar wieder ein Schalk hinzuersonnen, aber der Mann, der's mir erzählte, nahm auch dies gläubig auf. Und doch war er Fabrikarbeiter, hatte auch schon von Lassalle gehört: »Ein guter Mann; die Pharisäer haben ihn erschießen lassen.« Man wird mir nun glauben, daß das Leben im Tal nicht bloß lustig, sondern auch interessant ist: der Gegensatz zwischen den uralten Überlieferungen und dem modernen, vom Gedröhn der Dampfmaschinen erfüllten Leben, das Neben- und Ineinanderfließen der primitivsten wie der raffiniertesten Formen menschlicher Arbeit und ihres Produkts, der Kultur, muß einen immer wieder beschäftigen. Wie gesagt unterscheidet sich der Köhler und Holzfäller von dem Arbeiter kaum in der Wohnung, wenig in der Tracht, aber im Wesen: er ist stiller und sanftmütiger, aber umgewandter und rauher. Die fremden Arbeiter sind natürlich fast durchweg Sozialdemokraten und beeinflussen die einheimischen in ihrem Sinne. Der Hirte, der mir die sittlichen Begriffe des Tals auseinandergesetzt hatte (er war selbst Arbeiter gewesen, jedoch nicht Genosse), meinte freilich, das ginge hier schwer, die Angeworbenen seien noch »schwache Rekruten fürs rote Regiment«. Ich habe zwei Kleinigkeiten erlebt, die dies bestätigen. Als ich am letzten Sonntag abend dem Bahnhof von Mellenbach zuschritt, gingen drei Burschen vor mir her, die immerzu Lieder brüllten; zuerst eins vom Feinsliebchen, dann ein patriotisches vom Prinzen Friedrich Karl – wenigstens glaubte ich diesen Namen zu verstehen –, dann die »Arbeiter-Marseillaise« und schließlich die »Wacht am Rhein«. Acht Tage vorher sah ich mir den Sitzendorfer Hauptplatz an; nach dem hübschen Brauch vieler deutscher Dörfer steht auch dort eine »Kaiser-Wilhelm-Eiche« (»geweiht 22. Juni 1880«). Ringsum standen Fabriksarbeiter, einer von ihnen, ein Einheimischer, machte mich mit sichtlicher Freude darauf aufmerksam, wie gut der Baum gedeihe, erzählte dann auch stolz, er habe als Soldat den alten Kaiser bei einem Manöver gesehen, »so akk'rat, wie ich Ihnen sehe, Herre«, es war sichtlich eine stolze Erinnerung seines Lebens. Die anderen sprachen inzwischen von irgendeiner Anordnung des Fabrikdirektors, die ihnen nicht gefiel. Da wandte sich der Mann zu ihnen: »Was sag ech immerzu? Ohne 's Indernatschenal können wir's dene Borschiss nie zeigen!« Es war sichtlich ernst gemeint. So, nun hätt ich gesagt, wie mir das Tal erschien. Zwei Ansichten anderer füge ich bei. Mein Wandnachbar im »Weißen Hirsch« war ein Grammophon; dazu gehörte ein junger Mensch, der's fleißig aufzog. »Ohne Grammophon«, meinte er, »wär's selbst in Schwarzburg nicht zum Aushalten; wie erst dort oben!« Das war individuell; ich fand gerade des Grammophons wegen das Aushalten in Schwarzburg schwer, denn zuweilen gab's ja auch Regen, der mich auf meiner Stube festhielt. Flüchtete ich vor den angenehmen Tönen ins Lesezimmer, so war's von holländischen Grammophonen übervoll. Denn an Schnarrtönen fehlt's dieser Sprache nicht, und die Herren sagten immer dasselbe; sie schimpften über das feige Deutschland, das den Buren nicht zu Hülfe komme; zwischendurch schilderten sie behaglich, wie sinnreich ihre Dämme eingerichtet seien: dringe eine deutsche Armee ein, so werde sie ersaufen. Ich bin kein Chauvinist, die Holländer in Holland hatten mir sehr gut gefallen, aber dies Stück Holland in Deutschland beträchtlich weniger. Nur einer war kein Grammophon, sondern sah sich Tal und Bewohner als denkender fühlender Mensch an. In einem Menschenalter würde es, meinte er, ein einziger riesiger Fabriksort sein, und dann sei es mit der Sommerfrische aus. Davon scheint mir so viel richtig, daß die Industrie im Tal eine große Zukunft hat; schon jetzt zieht der Ausbau der Bahn neue Industrien an, die ohne sie nicht aufkommen konnten; die mächtige Wasserkraft, die Billigkeit des Bodens und der Löhne locken die Unternehmer. Aber so lang sie die Wälder nicht fällen und die Berge nicht ebnen, bleibt's ein schönes Stück Erde, und wenn alle Bewohner satt würden, wär das auch Poesie; weiß Gott, ja! Während das Grammophon neben mir heulend schnarrt: »O Welt, wie bist du wunderschön!«, packe ich meinen Koffer. Teufelszeug, du hast recht! Hier war's schön, und dort, wohin ich nun will, wird's gewiß noch schöner sein. Ich weiß wohin, aber ich wag's kaum zu denken, geschweige denn hinzuschreiben, sonst komme ich wieder ganz anderswohin. Und das wäre in diesem Fall schade, denn darauf freue ich mich schon lange.

Schwarzburg, im Sommer 1901



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